Nouvelles d'Armenie    
"Die armenische Tragödie" Von Hans-Lukas Kieser


Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts wurde rund eine Million christlicher Armenier auf Geheiss türkischer Politiker umgebracht. Der Völkermord, halb Dschihad, halb nationaldarwinistische Ausmerzung, wird von der Türkei bis heute geleugnet.

Als sich das Osmanische Reich im 15. Jahrhundert als Weltmacht etablierte, war es für manche Nichtmuslime attraktiver als die christlich-byzantinische Herrschaft oder das Spanien der Inquisition, woher viele Juden nach Istanbul und Saloniki flohen. Im 16. Jahrhundert erstreckte sich das Reich vom Balkan und von Anatolien bis nach Nordafrika und über die Arabische Halbinsel. Ein Geschichtsschreiber, der Mechmed dem Eroberer nahestand, legte Osman, dem Stammvater der Dynastie, gute Worte über die Christen in den Mund : « Sie sind unsere Nachbarn. Wir sind als Heimatlose in dieses Land [Kleinasien] gekommen, und sie haben uns gut aufgenommen. Da ziemt es sich, dass auch wir sie achten. » Warum wurde aus muslimisch-christlichem Respekt offener Hass, aus frühosmanischer Toleranz 1915/16 antichristliche Vernichtung ?

Als die junge Basler Lehrerin Beatrice Rohner 1899 in Istanbul und dann im Auftrag des Hilfsbundes für christliches Liebeswerk in Marasch (woher heute viele kurdisch- und türkischsprachige Migranten in der Schweiz stammen) in der heutigen Osttürkei eintraf, waren schwere Krisen sichtbar, aber die Hoffnung gross, sie zu überwinden. Dabei mitzuhelfen, das war die Motivation Rohners und des Schweizers Jakob Künzler, der für die Orientmission ausreiste. Denn im Herbst 1895 war es in den osmanischen Provinzen Kleinasiens zu einem Ausbruch antiarmenischer Gewalt gekommen, dessen Opferzahl die damaligen Judenpogrome in Russland um ein Vielfaches überstieg. Zehntausende von Waisen waren zu betreuen.

Die armenische Gemeinschaft sei ein Nährboden für Aufrührer und wolle mit ausländischer Unterstützung an die Macht, lautete das Täterargument. Die Massaker wurden von den Behörden geduldet, oft aktiv unterstützt. Revolutionäre Grüppchen gab es in der Tat, eines davon war 1886 im Genfer Exil gegründet worden. Gerechtfertigt wurde das Verbrechen religiös : Die kollektive Tötung der aufrührerischen gavur (Ungläubige) sei muslimische Pflicht, der Sultan-Kalif habe dazu aufgerufen.

Das späte 19. Jahrhundert war nicht nur die Geburtsstunde eines modernen Islams, sondern auch eines parastaatlichen Islamismus, der in Moscheen zum Mord am gavur aufrief. Dabei hatten die osmanischen Reformer 1856 den Gebrauch der abschätzigen Bezeichnung gavur für Christen verboten. Hauptmotiv der Massaker von 1895 war jedoch Raub inklusive Landraub. Die lokalen muslimisch-sunnitischen Täter beneideten die besser gebildete, wirtschaftlich aufstrebende Minderheit. Die jungtürkische Revolution von 1908 schien für einen Moment ein Zusammengehen fortschrittlicher Beamter mit nichtmuslimischen Eliten und damit eine Vielvölkerversöhnung zu ermöglichen. Viele, auch skeptische Zeitgenossen, darunter Künzler, der sich in Urfa im Südosten Kleinasiens beim Aufbau eines Spitals engagierte, begrüssten die neue Ära. Als das jungtürkische Komitee Einheit und Fortschritt 1913 jedoch eine Diktatur errichtete, hatten sich bereits die Hardliner durchgesetzt. Zur Verhärtung beigetragen hatten aussenpolitische Ereignisse : Italien besetzte 1911 das osmanische Libyen, und die jungen Balkanstaaten griffen 1912 den osmanischen Restbesitz in Europa an. Saloniki ging dem Reich in diesem Balkankrieg verloren ; Hunderttausende von Muslimen wurden zu Flüchtlingen. Komitee Einheit und Fortschritt

Das konspirative Komitee Einheit und Fortschritt verlegte seinen Sitz aus Saloniki nach Istanbul. Die meisten Mitglieder des Zentralkomitees stammten aus dem Balkan, so der einstige Postbeamte Talat und der subalterne Offizier Enver. 1913 standen beide, Talat 39-, Enver 32-jährig, an der Spitze des Reiches. Kriegsminister Enver, sowohl Islamist als auch Pantürkist, peilte nicht nur die Wiederherstellung, sondern auch eine Vergrösserung des Reichs an : Es sollte wieder die arabische Welt und den Balkan, aber auch zusätzlich die « Russlandtürken » in Zentralasien umfassen. Als Mittel zum Zweck setzte er auf Krieg.

Konsens bestand bei den Komiteemitgliedern und in der Türkismus-Bewegung darin, Kleinasien zur sicheren Heimat der Türken zu machen. Dieses Ideal teilte auch der ebenfalls aus Saloniki stammende Offizier Mustafa Kemal (Atatürk), der Gründer der späteren Republik. Als persönlicher Rivale Envers war er jedoch kein Komiteemitglied und nicht in den späteren Völkermord verstrickt.

Auch wenn die Jungtürken eine imperiale Politik verfolgten, setzten sie auf Nationalismus. Sie hatten damit die junge türkische Bildungselite hinter sich. Bei einem Kongress der Türkismusbewegung in Lausanne, 1913, schworen die Teilnehmer feierlich, « aus Anatolien ihr Heimatland zu machen ».

Das Komitee betrachtete die nichttürkischen Muslime Kleinasiens, insbesondere die Kurden, als langfristig assimilierbar. Es betonte ihnen gegenüber die gemeinsame Religion. Die Christen hingegen hielt es für nicht assimilierbar. Bereits im Frühjahr 1914 nahm es umfangreiche Vertreibungen meist griechisch-orthodoxer Christen an der Ägäisküste vor. Die Terrorisierung der zu Vertreibenden organisierte das Filialkomitee in Izmir, dem Celal Bayar vorstand. Bayar wurde später Minister und war 1950-60 türkischer Staatspräsident. Erster Weltkrieg

Ohne den Ersten Weltkrieg hätte es nicht zum Völkermord kommen können. Was sich vorerst als ein drohender weiterer Balkankrieg präsentierte, weitete sich in der aufgeheizten politischen Atmosphäre im Sommer 1914 zu einem allgemeinen Krieg aus. Das Deutsche Reich war Ende Juli plötzlich bereit, auf den Bündnisantrag Envers einzugehen, und unterzeichnete am 2. August einen Geheimvertrag, der wegen des bereits begonnenen Krieges mit Russland den osmanischen Kriegseintritt zwingend verlangte.

Zur Entlastung ihrer Ostfront drängte die deutsche Führung auf eine rasche Aktion gegen Russland. Envers Kaukasusfeldzug führte jedoch Ende 1914 zu einem Fiasko, ähnlich die Kampagne seines blutjungen Schwagers Cevdet in Nordpersien einige Wochen später. Es resultierte ein brutalisierter Kleinkrieg mit Beteiligung von Milizen. Viele zivile Opfer, Muslime und Christen, im Grenzgebiet Ostanatoliens und eine zunehmende, vom Komitee geschürte antichristliche Stimmung waren die Folge. Cevdet war Militärführer und auch Gouverneur der Provinz Van an der Grenze zu Persien und Russland.

Das Komitee legte den osmanischen Armeniern mehrere Punkte als kollektiven Verrat aus : Armenische Wortführer hatten Ende 1912 die europäische Diplomatie um Reformhilfe gebeten ; ein Reformplan für Ostanatolien kam zustande, den die osmanische Regierung Anfang 1914 unterschrieb. Der Plan sah eine verbesserte Sicherheit, mehr Demokratie und internationale Kontrolle vor. Den Plan wieder aufzuheben, gehörte zu den ersten Massnahmen des Komitees im August 1914. Der Krieg erschien der armenischen Gemeinschaft umso fragwürdiger. Einige tausend Armenier liefen zur russischen Armee über.

Die armenische Partei Daschnak, die seit 1908 mit dem Komitee im Wahlbündnis fürs osmanische Parlament gestanden war, lehnte im August 1914 das selbstmörderische Ansinnen des Komitees ab, eine Guerilla gegen das zaristische Regime in Russisch-Armenien anzuzetteln (das armenische Siedlungsgebiet bestand aus einem grösseren osmanischen und einem kleineren russischen Teil). Im April 1915 schliesslich wehrten sich die Armenier der Stadt Van gegen Cevdet, nachdem dieser schon viele Armenier auf dem Land hatte massakrieren lassen. Dank eines russischen Vorstosses entkamen sie der Vernichtung.

Der « armenische Aufstand von Van » nährt bis heute die Legende vom armenischen Dolchstoss in den Rücken des osmanischen Staates. Die jüngst zugänglich gewordenen osmanischen Militärquellen stützen jedoch alles andere als die These eines allgemeinen armenischen Aufstandes. « Bisher kein Mut zu einer ernsthaften, allgemeinen Revolutionsbewegung », stellte ein Militärtelegramm aus Hasankale (Erzurum) Mitte April fest. Einen Monat später begann dort die allgemeine « Verschickung ». Der Völkermord

Noch Ende Februar 1915 hatte Enver dankbar einem armenischen Bischof geschrieben, « dass die osmanischen armenischen Soldaten ihre Pflicht auf dem Kriegsschauplatz gewissenhaft erfüllen, was ich mit meinen eigenen Augen feststellen konnte ». Die diensttauglichen Männer waren im August 1914 in die Armee eingezogen worden. Allerdings war die Zahl der Fahnenflüchtigen bei Muslimen wie Christen Ostanatoliens hoch, was Probleme der inneren Sicherheit aufwarf. Immerhin wehrten osmanische Einheiten unter dem Oberkommando des deutschen Generals Liman von Sanders im März 1915 den Angriff der Entente gegen Istanbul ab. Dieser Sieg jedoch übte « auf die türkische Bevölkerung und besonders auf die Machthaber in Konstantinopel einen ungeheuren Eindruck » aus, schreibt General Pomiankowski, der österreichische Militärattaché in Istanbul. « Die bisherige Unsicherheit und moralische Depression verschwanden und machten einem ostentativ zur Schau getragenen Optimismus und Selbstbewusstsein sowie einem überaus brutalen Chauvinismus Platz. »

Der « brutale Chauvinismus » äusserte sich darin, dass das Komitee die Zerstörung armenischer Existenz grossräumig umzusetzen begann. Die armenischen Soldaten in Zentral- und Ostanatolien wurden entwaffnet und ermordet. Vom 24. April an liess das Komitee die armenischen Eliten in Istanbul und den Provinzen verhaften, foltern und die meisten töten. Krikor Zohrab etwa, Abgeordneter im osmanischen Parlament, Jurist und Dichter, wurde ins Landesinnere geschickt und bei Urfa vom begleitenden Offizier erschossen. Die beiden Komiteekommissare in Urfa zwangen den Stadtarzt, ein vertuschendes Todesattest zu schreiben, wie Künzler von seinem ärztlichen Kollegen erfuhr.

Ab Mai 1915 befahl das Innenministerium, dem Talat vorstand, die « Verschickung » (sevkiyat, so der osmanische Begriff) aller Armenier Kleinasiens. Gestaffelt wurden die meisten in Konzentrationslager in die Wüste beim syrischen Aleppo getrieben, andere im Schwarzen Meer ertränkt. « Die Ausführung dieses barbarischen Befehles kam in Wirklichkeit der Ausrottung der armenischen Nation in Kleinasien gleich », schrieb Pomiankowski, der oft mit Enver unterwegs war. Viele, auch Kinder, Betagte und Hochschwangere, mussten wochenlang zu Fuss gehen, hungern, dürsten und sich schikanieren lassen. Andere, aus Westanatolien, fuhren in Güterwagen der Berlin-Bagdad-Bahn. In Ostanatolien wurden systematisch Burschen und Männer, gelegentlich auch Frauen und Kinder ermordet. Aus Westanatolien gelangten auch viele Männer nach Aleppo. Viele Kinder verloren beide Elternteile und zogen mutterseelenallein weiter.

Vom « Entsetzen, von dem jeder erfasst wird, der mit den verhungernden, absichtlich dem Hungertode preisgegebenen Massen der Vertriebenen in nahe Berührung kommt », berichtete der deutsche Konsul Rössler in einem Brief an den deutschen Reichskanzler. « Wohl denen von ihnen, die bei der Weiterreise starben oder erschlagen wurden », schrieb Künzler, der das ständige Erleiden von Gewalt, das langsame Verhungern und Verdursten viel ärger fand als den raschen, gewaltsamen Tod.

An einigen Orten stiess die Ausrottung auf Hindernisse. Aber nur in Van und am Musa Dagh ermöglichte armenischer Widerstand die Rettung der Verfolgten. In Urfa blieb er erfolglos : Jakob Künzler hat das Massaker in der Stadt, die trostlose Verschickung vieler Bekannter und die Verschacherung armenischen Gutes eindringlich beschrieben. Zusammen mit seiner Frau zog er eine Hilfstätigkeit für Untergetauchte auf. Besonders erschütterten ihn die massenhaften « Vergewaltigungen, Entehrungen, Schändungen, besonders auch der Knaben » - Offiziere « leisteten Unglaubliches, Unaussprechliches » in dieser Hinsicht. Fluchthilfe für armenische Männer war bei Todesstrafe verboten ; trotzdem wurde sie mit der Unterstützung muslimischer Freunde gewagt.

Die amerikanische Missionarin Tacy Atkinson organisierte umfangreiche Schlepperdienste aus der Provinzhauptstadt Elaziz an der Grenze zum Dersim : Alevitische Kurden holten Untergetauchte beim amerikanischen Spital ab und brachten sie gegen Bezahlung in die Berge. Von da führten Schleichwege zu den Russen. (Diese stiessen 1916 bis nach Erzincan vor, zogen aber nach der russischen Revolution ab ; ebenfalls abziehende Armenier übten damals Gräueltaten aus. In türkischen Medien gezeigte Massengräber von Muslimen beziehen sich meist auf diese Episode von Anfang 1918, wenn sie überhaupt richtig identifiziert sind.)

Der türkische Leiter des Rothalbmond-Spitals in Elaziz setzte sich zusammen mit Atkinson für die Verschickten ein, wurde aber alsbald abgesetzt. Die christliche Missionarin hoffte, diesen Muslim « im Himmelreich wiederzusehen ».

Schlachthaus hiess die Provinz Elaziz deshalb, weil viele Deportierte in die idyllische Hügellandschaft am Gölcük-See geleitet, dort ermordet und ausgeraubt wurden. Grauen und Obszönität beherrschten das Bild, das sich dem amerikanischen Arzt Atkinson, Tacys Ehemann, und dem amerikanischen Konsul Davis bei einem Erkundungsritt Anfang Oktober 1915 bot. Sie schätzten die Zahl der Leichen von meist nackten Frauen und Kindern auf mindestens 10 000. « Die meisten Körper wiesen klaffende Bajonettwunden auf, meist im Unterleib oder in der Brust, bisweilen in der Kehle. Wenige waren erschossen worden, da Munition zu wertvoll war. Es war billiger, mit Bajonetten und Messern zu töten », schrieb der Konsul.

In diesem Fall scheinen materielle und sexualsadistische Anreize genügt zu haben, um Kurden der Region als Täter anzuwerben. Generell verantwortlich für solche Massaker war jedoch die Spezialorganisation, die das Zentralkomiteemitglied Bahaettin Schakir leitete.

Anfang April 1915 war Schakir von den entscheidenden Sitzungen in der Hauptstadt in den Osten zurückgereist. Seine Organisation konnte wegen des militärischen Fiaskos nicht wie vorgesehen im russischen Kaukasus eingesetzt werden und wurde nun zum Instrument des Völkermordes. Vorzeitig freigelassene Verbrecher wurden in sie integriert, Kurdenstämme angeworben. Auffallend viele Tscherkessen und Tschetschenen, Flüchtlinge der Zarenherrschaft, waren in ihr aktiv. Sie identifizierten die Armenier mit ihrem Erzfeind Russland.

Die Verschickung dauerte zur Hauptsache von Juni bis Oktober 1915. Der Gouverneur der an Elaziz grenzenden Provinz Diyarbakir, Dr. Reschid, war Mitbegründer des Komitees, das 1889 an der militärischen Ärzteschule als studentische Revoluzzergruppe begonnen hatte. Als einziger Gründer war er 1915 noch in Position. Er telegrafierte seinem Chef Talat am 28. September 1915, er habe erfolgreich 120 000 Armenier aus seiner Provinz « entfernt ».

In seinen Aufzeichnungen nannte Reschid die Armenier « Blutsauger der Muslime » ; in einem Gespräch mit dem Komiteesekretär sprach er von « armenischen Banditen » und « Mikroben », die zu töten ärztliche Pflicht sei. Der Komiteesekretär Mithat Schükrü meinte später, der Gouverneur habe als Wissenschaftler und damit richtig gehandelt.

Einzelne Verschickungen gab es bis 1916. Talat unternahm Ende 1916 eine Inspektionsreise und stellte in einem Telegramm an den Scherifen von Medina, einen hohen Geistlichen, befriedigt fest, « wie richtig es war, die Armenier zu entfernen », um die Muslime « die von den Armeniern zurückgelassenen Läden und Güter in Besitz nehmen » zu lassen. Intern machte sich das Komitee gern lustig über Religion und Glauben. Es glaubte ans « wissenschaftliche Gesetz » des Sozialdarwinismus, die Eliminierung schwächerer, lästiger, bedrohlicher Konkurrenten.

Hauptmotiv des Genozids war nicht die Religion, sondern Massenraubmord : die Türkisierung Anatoliens, inklusive des Raubs des armenischen Gutes und Tausender Frauen und Kinder. Zwar hatte der Scheichülislam, höchster Geistlicher des Reiches, 1914 auf Drängen Deutschlands den Dschihad ausgerufen. Der Islam diente jedoch primär dazu, die Stimmung im Volk aufzuheizen und die Täter zu enthemmen. Einige muslimische Würdenträger geisselten den Bruch islamischer Ethik, so etwa der Kadi (islamischer Richter) von Urfa, ein enger Freund Künzlers. Aber sie waren eine Minderheit. Umso schmerzlicher ist es, dass das muslimische Establishment in der Türkei bis heute glaubwürdige Worte zu 1915 vermissen lässt.

Plausible Schätzungen gehen davon aus, dass der Völkermord 1 bis 1,4 Millionen Opfer gefordert hat, davon etwas mehr als die Hälfte durch die Massaker und Verschickungen 1915, die übrigen 1916/17 in den Lagern der Wüstenregion um Aleppo.

Die zweite Phase des Genozids betraf Hunderttausende von Armeniern, die die Verschickung überlebt hatten und in Konzentrationslager - so der zeitgenössische Begriff - bei Aleppo getrieben wurden. Es handelte sich um eine riesige Sterbeanstalt, wo Tausende pro Tag an Hunger, Durst oder Krankheit starben. Islahiye hiess eines von über zwanzig Lagern. « Gleich beim Eingang lag ein Haufen unbeerdigter Leichen [...], gleich dabei die Zelte der Leute, die an schwerer Dysenterie krank lagen. Die Unreinlichkeit in den Zelten und darum herum ist unbeschreiblich. An einem Tage hat die Toten Commision 580 Tote begraben », heisst es in einem Bericht Rohners und ihrer Mitarbeiterin Paula Schäfer von einem Besuch Islahiyes im Dezember 1915. Wandern zum blutigen Ende

Eine geplante Todesmaschinerie : Die meisten Überlebenden hätten angesiedelt werden können ; es gab konstruktive Ansätze dazu und einige gute Kontakte mit der Lokalbevölkerung. Aber das Komitee liess dies nicht zu, menschlich denkende Beamte setzte es ab, so Ali Fuad, den Gouverneur des Wüstenstädtchens Deir Zor. Er hatte vielen Überlebenden einen bescheidenen Neubeginn in seiner Stadt ermöglicht, wurde jedoch im Juli 1916 durch Salih Zeki, einen Vollstrecker der Vernichtung, ersetzt. Alle Lager wurden liquidiert, die überlebenden Insassen der Lager bei Aleppo weiter nach Osten nach Der Zor getrieben. Als Täter auch in dieser Phase der Vernichtung treffen wir Cevdet, Envers Schwager, an, der Anfang 1916 an die Spitze der Provinz Adana gerufen wurde.

Rohner : « Die in Deir-el-Zor und Umgegend zur Ruhe Gekommenen wurden, etwa 80 000 an der Zahl, in grosse Lager zusammengezogen, um dann karawanenweise über den Euphrat gesetzt zu werden. Es gab ein neues trostloses Wandern und dann abseits der grossen Verkehrswege, fern von den Augen jedes Europäers, warteten Freischärler-Banden im Auftrag ihrer Regierung auf diese letzten Überlebenden, um ihnen ein blutiges Ende zu bereiten. Flüchtlinge, selbst verwundet, brachten uns die furchtbare Kunde. » Ein besonders düsteres Kapitel : Etwa 2000 Waisenkinder wurden damals auf Wagen abgeführt, manche dieser Wagen mit Dynamit gesprengt, der Rest der Kinder in Höhlen gesperrt und verbrannt.

Im November 1915 war Beatrice Rohner aus Marasch nach Istanbul gerufen und von internationalen Organisationen angefragt worden, den Todgeweihten ausserhalb Aleppos Hilfe zu bringen. Als Frau und Schweizerin, die das Land und seine Sprachen kannte, besass sie Bewegungsfreiheit und Erfahrung. Die Hilfsorganisation Near East Relief stellte ihr mehrere 100 000 Dollar zur Verfügung.

Rohner kam Ende 1915 in Aleppo an. Dort traf sie Cemal, den mächtigen Marineminister und Militärgouverneur von Syrien, der, obgleich Komiteemitglied, die Armenierpolitik nur halbherzig teilte. Fortan betreute Rohner legal Waisen in Aleppo und illegal ein Netzwerk, das über Boten Hilfe in die Lager brachte. Rohners Ansinnen, humanitär in Aleppo zu arbeiten, hatte Cemal widerwillig zugestimmt mit einem hygienischen Argument : « Grosse Teile der Bevölkerung stehen in Gefahr, durch die Deportierten vom Fleckfieber ergriffen zu werden, und die vielen obdachlosen Kinder sind für die Stadt verhängnisvoll. » Tagsüber kümmerte sich Rohner um die Waisen, verfasste Berichte, von denen viele heute in deutschen und amerikanischen Archiven lagern, oder schlug sich mit den Behörden herum. Namentlich mit Abdulhalik Mustafa Renda, dem Gouverneur von Aleppo, einem Hardliner, der den moderaten Cemal ersetzt hatte (Renda wurde später Minister der Kemalistischen Republik). « Kein Tag liess es uns vergessen, dass der Pharao des türkischen Hasses und Vernichtungswillens hinter uns her war und es um jeden Preis verhindern wollte, dass ein kleines Volk seiner Macht entging. » Rohner beschwor das Hilfskomitee in Basel, die Berichte zurückhaltend zu veröffentlichen, ihren Namen überall zu streichen und « Arme » anstatt « Armenier » zu schreiben.

Rohner wurde vom amerikanischen Konsul Jackson, vom deutschen Konsul Rössler und von Schweizer Kaufleuten vor Ort unterstützt. Leider war die Macht der Konsuln, für die Verschickten einzutreten, « sehr beschränkt ». Es gelang Rohner neben rund tausend armenischen Kindern mehrere Frauen und einige Männer als Mitarbeiter zu protegieren. Rund zehntausend Frauen fanden zudem Unterschlupf in Textilateliers der Armee ; deren Leiter, Oberst Kemal, kooperierte mit Rohner.

In der Nacht nahm Rohner oft Boten - mutige junge Männer - aus den Lagern auf, liess Geld in deren Kleider einnähen und beantwortete viele Dutzende von Briefen aus den Lagern. « Welch ungeheure Summe von Not und Jammer bargen diese Briefe ! Schnell galt es ‹zu sagen, dass Gott sie nicht vergass›, auch da wo alles Erschütterliche erschüttert wurde. » Einige Boten wurden abgefangen, gefoltert und getötet.

Einer der Boten war Garabed, ein Bekannter Rohners aus Marasch, der den Weg nach Aleppo überlebt hatte. Aus dem jungen Mann war « ein alter Mann geworden [...], aus dem sonst so kindlich vergnügten Gesicht jede Spur von Frohsinn gewichen. Aber ein tiefer Ernst, eine heilige Entschlossenheit war da. » Garabed tat, als Beduine verkleidet, den langen, riskanten Botendienst nach Der Zor, wo sich seine Spur schliesslich verlor.

Raphael Lemkin, der Schöpfer des Begriffes Genozid und Initiant der Uno-Konvention von 1948, hielt 1959 fest : « Die Leiden armenischer Männer, Frauen und Kinder, die in den Euphrat geworfen oder auf dem Weg nach Der Zor massakriert wurden, haben den Weg für die Annahme der UN-Genozidkonvention vorbereitet. » In einem anderen Satz schrieb er von der « Hitze der Öfen in Auschwitz und Dachau » und der « mörderischen Hitze der Wüste von Aleppo, die Hunderttausende von christlichen Armeniern verbrannte - Opfer des Genozids von 1915. » Elie Wiesel sprach in diesem Zusammenhang vom « Holocaust vor dem Holocaust ».

Am 17. März 1917, nachdem die Lager liquidiert und die ihr anvertrauten Waisen abtransportiert worden waren, brach Rohner seelisch zusammen. Künzler kam aus Urfa und holte sie ab. Fragen nach ihrem Erleben wich Rohner jahrelang aus, « mir war zu schwer ums Herz. Immer wieder stand vor meiner Seele der Abschluss meines Dienstes in Aleppo, wo die türkische Regierung mit kurzem, trockenem Befehl mir die fast 1000 Kinder aus der Hand nahm [...] Das Letzte, was ich von ihnen gesehen hatte, war jener Sonderzug, der sie entführte, und damit fiel der Schleier der Dunkelheit über sie und mich. »

Trost für Rohner war die spätere Kunde, dass alle ihre Kinder überlebt hätten. Aber erst 1933, als sie theologische Leiterin eines Gästehauses in Deutschland geworden war und die Naziherrschaft begann, schrieb sie einen Erlebnisbericht. Das war gleichzeitig mit Franz Werfels berühmtem dokumentarischem Roman « Die vierzig Tage des Musa Dagh », der vom armenischen Widerstand am Musa Dagh handelt und zur Leiblektüre in den jüdischen Gettos Osteuropas wurde.

Wie Werfels Roman handelt auch Rohners unbekannt gebliebenes Zeugnis von Widerstand, liess aber nicht auf einen erfolgreichen bewaffneten Kampf gegen ein staatliches Vernichtungsprogramm hoffen. Jakob Künzler seinerseits blieb im Nahen Osten und gab sein Zeugnis einem jungen Freund namens Carl Lutz, Konsul im britischen Palästina, weiter, der wie er aus Walzenhausen stammte. 1944 amtete Lutz als Konsul in Budapest und schöpfte aus Künzlers Erfahrung, als er sich zur illegalen Rettungsaktion zugunsten Zehntausender Juden entschloss.

Literatur :

Hans-Lukas Kieser, Elmar Plozza (Hg.) : Der Genozid an den Armeniern, die Türkei und Europa. Chronos, Oktober 2006. 200 S., Fr. 38.-

Hans-Lukas Kieser, Dominik J. Schaller (Hg.) : Der Völkermord an den Armeniern und die Shoah. Chronos, 2002. 450 S., Fr. 68.-

Jakob Künzler : Im Lande des Blutes und der Tränen. Erlebnisse in Mesopotamien während des Weltkrieges (1914-1918). Chronos, 1999. 200 S., Fr. 34.-

Franz Werfel : Die vierzig Tage des Musa Dagh. Roman. Fischer, 1990. 989 S., Fr. 26.80

Hans-Lukas Kieser ist Privatdozent für Geschichte an der Universität Zürich und Präsident der Stiftung Forschungsstelle Schweiz-Türkei.

dimanche 22 octobre 2006,
Stéphane ©armenews.com


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